Gedanken zum Sommer 14

"Sommer 14. Zeit des Gedenkens, Zeit nachzudenken. Was war mit Europa geschehen im August 1914? Und was geschieht mit Europa nach Jahrzehnten erfolgreicher Integration, nach Jahren der Zweifel und Selbstzweifel? 1914 begann ein unvorstellbares Gemetzel, der sinnlose Opfergang einer ganzen Generation. In Europa gingen buchstäblich die Lichter aus. Sie leuchteten erst wieder mit Schuman, Monnet, Adenauer, De Gasperi, um nur einige der Väter der Europäischen Integration zu nennen. Und 100 Jahre später? Ein neuer Ost-Westkonflikt rückt im Jahr 2014 die europäische Friedensdividende ins Bewusstsein. Aber genügt das Erreichte, das an so vielen Stellen zu erodieren droht? Wo ist das neue europäische Projekt, fragen angesichts unbewältigter und neuer Krisen und aus Anlass der Gedenktage Rainer Wieland, Präsident der Europa-Union Deutschland, und ihr Generalsekretär Christian Moos."

In diesen Augusttagen gedenken die Europäer gemeinsam des Ersten Weltkriegs, seines Ausbruchs vor 100 Jahren, der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, wie der US-amerikanische Historiker und Diplomat George F. Kennan 65 Jahre später sagen sollte. Inzwischen sind die letzten Veteranen tot. Zeitzeugen, die sich des Geschehens erinnern könnten, des Grabenkrieges auf den Feldern Flanderns, an der Somme, vor Verdun, am Isonzo und des nicht weniger blutigen Bewegungskrieges in Galizien oder auf dem Kaukasus, es gibt sie nicht mehr. Der Große Krieg, wie die Franzosen die Konflagration von 1914 nennen, ist zu einem geteilten Ort europäischer Erinnerung geworden. Ehemalige Gegner gedenken gemeinsam der Toten, der gut 17 Millionen Opfer dieses ersten Weltenbrandes, der global geführt wurde, dessen Zentrum aber in Europa lag. Sie tun dies nicht mehr als Sieger und Besiegte, sondern Seite an Seite, das Vergangene nicht zu vergessen, damit es sich niemals wiederholen kann.

Der Erste Weltkrieg brachte das Ende dreier Vielvölkerreiche und leitete die Ablösung Großbritanniens als Weltmacht durch die USA ein. Er legte die Saat für den italienischen Faschismus und den deutschen Nationalsozialismus. Er brachte Russland einen mehrjährigen Bürgerkrieg mit bis zu zehn Millionen Opfern, aus dem die totalitäre Sowjetunion hervorgehen sollte. Er veränderte Europa und die Welt in einer auch die heutige Zeit, etwa im Nahen Osten, nachhaltig prägenden Weise. Kaum 25 Jahre nach dem Beginn des bis dato größten aller Kriege brach das nationalsozialistische Deutschland, diesmal anders als 1914 allein schuldig, den Zweiten Weltkrieg vom Zaun, dessen ungeheure Folgen, die Shoah, 55 Millionen Tote, die Teilung Europas, uns Europäer noch heute beschäftigen.

Die Lehren, die wir aus dem Massensterben der Jahre 1914 bis 1918 gezogen haben, tragen noch immer einen politischen Grundkonsens. Frieden und Freiheit sind die höchsten Güter. Aber reicht der kommemorative Blick zurück? Wie steht es um Frieden und Freiheit heute und morgen? Reichen die gemeinsame Erinnerungskultur und das, sieht man von Großbritannien ab, weitgehend ungeteilte Bekenntnis zur Europäischen Union, ihrem Binnenmarkt und, optimistisch, zur Gemeinschaftswährung? Gewiss erzielen wir Europäer auch noch Konsens, wenn es um unverbindliche Papiere geht, in denen anzunehmende Zukunftsherausforderungen aufgezählt werden. Die demographische Alterung, Energiesicherheit und Klimawandel, die Wettbewerbsfähigkeit in der Globalisierung und der Kampf gegen Arbeitslosigkeit und Armut, die Suche nach einem sozialen Europa, das alles findet sich in unzähligen Rats- und Kommissionsdokumenten. Beschreibt das, worauf wir uns 2014 noch verbindlich verständigen können, aber so etwas wie ein gemeinsames europäisches Projekt?

Der Blick zurück auf 1914, seine Ursachen und Folgen, ist das eine. Das andere ist das Überleben in der Welt von heute. Und diese Welt ist nicht friedlicher geworden. Ganz im Gegenteil. Zwar lässt sich trefflich argumentieren, die Welt sei schon immer aus den Fugen gewesen. Kriege waren immer, auch nach 1945 habe sich der bellum omnium contra omnes fortgesetzt. Korea, Indochina, Vietnam, Afghanistan, Zentralafrika seien nur als Beispiele genannt. Dass wir in Europa seit 1945, sieht man insbesondere vom Balkan ab, von der Kriegsfurie weitgehend verschont geblieben seien, sei einer Ausnahmesituation geschuldet. Einer Ausnahmesituation, die zurückzuführen sein mag auf Glück und Zufall, eigene Ingenuität, sicher aber auch auf amerikanischen Schutz und unter glücklichen Bedingungen gedeihenden wirtschaftlichen Wohlstand und sozialen Ausgleich.

Die bipolare Weltordnung gibt es jedoch nicht mehr. Wo die 1991 implodierte Sowjetunion ein Machtvakuum hinterlassen hatte, steht mittlerweile ein auf eigentümliche Weise wiedererstarktes und zugleich aufgrund seiner inneren Verfasstheit höchst fragiles, zunehmend aggressives Russland. Der Ukrainekonflikt bedeutet nicht weniger als akute Kriegsgefahr in Europa. Denn die Ukraine ist Teil Europas. Im Grunde herrscht in der Ukraine bereits Krieg, und zwischen Russland und dem Westen hat ein Wirtschaftskrieg begonnen, dessen Folgen ebenso unabsehbar sind wie die des neoimperialen großrussischen Gebarens. Dass die USA sich seit 9 /11 von einer Welt von Feinden umgeben sehen und im Innern zutiefst gespalten sind über den amerikanischen Traum, ob es ihn überhaupt noch gibt und wer ihn teilen darf, macht die Sache nicht einfacher. Derweil vollzieht sich weiterhin in atemberaubender Geschwindigkeit der Aufstieg Chinas zu einer Weltmacht, die mehr und mehr in Konkurrenz zu den USA tritt und weltweit auf bis dato friedliche, aber sehr entschlossene Weise strategische Positionen besetzt. Der Nahe Osten, in seiner Gestalt eine direkte Folge des Ersten Weltkriegs und wie Russland Europas unmittelbare Nachbarschaft, war zwar immer schon ein potentieller Unruheherd. Der sunnitisch-schiitische Bürgerkrieg und die antiwestliche, totalitäre Bewegung des islamistischen Fundamentalismus haben die Region aber in ein seit dem Sykes-Picot-Abkommen von 1916 nie dagewesenes Chaos gestürzt.

Zu den sicherheitspolitischen Fragen, die diese hochgefährlichen Entwicklungen für Europa aufwerfen, kommt hinzu, dass die Folgen der Weltfinanzkrise bei weitem noch nicht überwunden sind. Weder ist die Eurozone bereits dauerhaft stabilisiert, noch sind die viel zu weitreichend deregulierten Finanzmärkte vor erneuten Bankenzusammenbrüchen und ähnlich folgenreichen Verwerfungen gefeit. Der augenfälligste Unterschied zwischen 1914 und 2014 ist vielleicht, dass die Europäer vor dem 28. Juni und den Schüssen von Sarajevo eigentlich kein ausgeprägtes Krisenbewusstsein hatten. Phasen der Hochspannung und Krieg-in-Sicht-Krisen lagen in der Vergangenheit. Zwar waren die Planungen der Militärs verhängnisvoll. Die Politik steuerte im Frühjahr 1914 aber auf keinen Fall in Richtung Krieg. Es gab im Gegenteil zaghafte politische Ansätze zu einer Entschärfung möglicher Konfliktlagen. Wie so oft waren es Entwicklungen an der Peripherie, zumal die Schwäche des Osmanischen Reichs, die schließlich das Zentrum und mit ihm ganz Europa ins Rutschen brachten. Den damals Lebenden war aber nicht bewusst, welche Auswirkungen etwa die Annexion Bosniens durch Österreich-Ungarn oder das italienische Ausgreifen auf die große Syrte haben sollten.

Welche Folgen wird die Annexion der Krim im Jahr 2014 haben? Fakt ist, das Krisenbewusstsein der Europäer, auch der Deutschen, denen es aktuell wirtschaftlich so viel besser geht als den meisten ihrer Nachbarn und Partner, ist 2014 weitaus größer als 1914. Die Julikrise von 1914 verlief trotz eines damals als quälend langsam empfundenen Entscheidungsprozesses der k. u. k. Monarchie in hohem Tempo. Bis zum 28. Juni war Ruhe. Fünf Tage nach seinem Ultimatum an Serbien erklärte Wien Belgrad am 28. Juli den Krieg. Am 1. August folgte die deutsche Kriegserklärung an Russland, das seine Mobilmachung nicht mehr stoppen konnte und wollte. Tags darauf standen deutsche Truppen in Luxemburg. Es folgte die Invasion des gleichfalls neutralen Belgien, Berlin erklärte, der unheilvollen Logik des Schliefen-Plans folgend, Paris am 3. August den Krieg. London, das lange unentschlossen schien, dem Belgiens Neutralität aber ein sanctum sanctorum war, überreichte dem deutschen Gesandten am 4. August die Kriegserklärung. Es ging wirklich rasend schnell.

Wie viele Stufen auf der Eskalationsleiter wird der nun entflammte Gegensatz zwischen Russland und dem Westen nehmen, ehe ein Zufall, ein Unfall, eine Verzweiflungstat die Dinge außer Kontrolle geraten lässt? Oder wird allmählich Gras über die Sache wachsen? Kritiker, denen die Antwort der Europäer auf Russlands Ausgreifen auf seinen westlichen Nachbarn nicht weit genug gehen, sprechen von einem neuen Appeasement, sehen Parallelen zum Verhalten der Westmächte gegenüber Hitler, der im Herbst 1938 zunächst die Sudentendeutschen „heim ins Reich holte“, um dann wenige Monate später die „Rest-Tschechei“ zu zerschlagen. Wird Putin, beeindruckt von Wirtschaftssanktionen, vor allem in Folge einer möglichen russischen Bankenkrise, gedrängt von den Oligarchen, einlenken? Oder setzen die maßgeblichen Kräfte des Westens längst auf Regimewechsel?

Was machen wir Europäer, während die Welt um uns herum immer unsicherer wird? Was beschäftigt etwa die deutsche Politik? Die kalte Progression der Einkommensteuertabelle. Die Zahl von Kinderbetreuungsplätzen. Eine Maut für Ausländer, die natürlich keine solche sein soll, ohne aber Inländer zu belasten. Stromtrassen, die alle brauchen, aber niemand will, und die deshalb nun dringend kommen sollen, ohne je gebaut zu werden, zumindest nicht oberirdisch. Gleichzeitig wird Europa entlang des Unbehagens über gekrümmte Gurken, Ölkännchen und Staubsauger im Alltag denunziert.

Wer das alles unterirdisch findet, sollte sich mit der Frage beschäftigen, wie wir Europäer unseren Auswärtigen Dienst weiterentwickeln wollen, wer hier fortan mit welchem Gewicht und Durchsetzungsvermögen gegenüber den Mitgliedstaaten, gegenüber Partnern und Konkurrenten in der Welt Gesicht zeigen soll. Der sollte sich mit der eher subkutan geführten Debatte über den weiteren Weg Europas befassen, das, jüngst an sich und seinen Erfolgen zweifelnd, zurück in eine Zukunft will, die nur noch bei sehr viel Wohlwollen und großzügiger Deutung mit den bisherigen Zielen der europäischen Integration vereinbar scheint.

Zyniker mögen sagen: Vielleicht kommt es anders als 1914 gerade deshalb zu keiner größeren, wie auch immer gearteten Katastrophe für Europa, weil das durchaus gegebene Krisenbewusstsein nicht mit ernsthaftem Bemühen um Lösungen einhergeht. Womöglich verbietet sich die Suche nach einem neuen europäischen Projekt, wenn man sich dem Schicksal ergeben ins Unvermeidliche fügen will, frei nach dem rheinischen Motto: Et is noch immer jut gegangen. Dann läge aber die politische Stärke Europas in seiner Schwäche. Wer diesem Paradoxon aufsitzt, nimmt in Kauf, dass sich die Krisenknoten immer weiter schürzen.

Wir wollen nichts kleinreden: Es ist gut, dass Frankreichs Staatspräsident und der deutsche Bundespräsident heute gemeinsam an den Gräbern der Opfer des Ersten Weltkriegs stehen. Es ist schlecht, dass Deutschland und Frankreich erkennbar keine gemeinsame Idee mehr von Europa haben. Was Wunder, wenn die Briten bei so viel kontinentaler Strahlkraft auf abwegige Gedanken kommen.

Europa braucht in einer Zeit, in der sich – anders als im annus mirabilis 1989 wieder unter großen Opfern und Qualen - eine neue Weltordnung herausschält, eine gemeinsame Vorstellung von seiner Zukunft. Das reicht weit über die Forderung nach einem neuen Konvent hinaus. Das ist mehr als nur die Frage einer Neureglung der europäischen Kompetenzordnung. Die europäische Einigung hat den an ihr beteiligten Staaten viele Jahrzehnte des Friedens geschenkt. Diese in der Welt nach wie vor einzigartige supranationale politeia hat wahrscheinlich das Potential, diesen auch in der Zukunft bewahren zu helfen. Das ist aber keine Selbstverständlichkeit.

Rainer Wieland und Christian Moos

Die Europa-Union Deutschland lädt aus Anlass des Gedenkens an den Ausbruch des 1. Weltkriegs, die Bürgerinnen und Bürger in den kommenden Wochen im ganzen Land zu einem "Gedankengang" ein, der mehr ist als nur ein Blick zurück. In Kürze finden Sie mehr Informationen auf dieser Webseite.

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