Let Europe arise!

Winston Churchills Europa-Rede nach 70 Jahren aktueller denn je.

Veranstaltung am Donnerstag, dem 1. September 2016

Dr. Sabine Bamberger-Stemmann, Tristan Dück, Prof. Dr. Gabriele Clemens, Manuel Sarrazin MdB (v. l. n. r.)

Welche Bedeutung hat Winston Churchills berühmte Züricher Rede nach 70 Jahren noch für die heutigen Generationen? Am 1. September 2016, dem 77. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen und Ausbruchs des 2. Weltkriegs, veranstaltete die Europa-Union in Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg eine Podiumsdiskussion vor gut 80 ZuhörerInnen in der Krypta des Mahnmals St. Nikolai.

Zunächst gab Frau Prof. Dr. Gabriele Clemens, Professorin für Europäische Integrationsgeschichte an der Universität Hamburg, ein kurzes Impulsreferat über die zentralen Forderungen aus Churchills Rede und das Verhältnis Großbritanniens zum europäischen Einigungsprozess bis hin zur aktuellen Brexit-Entscheidung. Dabei machte sie deutlich, dass Churchill zwar "a kind of United States of Europe" forderte und dabei insbesondere eine Versöhnung von Frankreich und Deutschland im Blick hatte, die Rolle Großbritanniens aber auf die Rolle eines "friend and sponsor of the new Europe" beschränkt wissen wollte. Trotz der naheliegenden begrifflichen Assoziation zu den USA habe Churchill auch keinesfalls ein europäischer Bundestaat vorgeschwebt, sondern ein intergouvernemental angelegter loser Staatenbund. Der ökonomische Erfolg der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft habe das Vereinigte Königreich nach dem Niedergang des British Empire dann schließlich doch überzeugt, 1973 selbst der EWG beizutreten. Seitdem sei Großbritannien durchaus nicht nur eine bremsende Kraft gewesen, sondern habe etwa in Bezug auf die Einheitliche Europäische Akte und die Etablierung einer Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik immer wieder wichtige Impulse für das Einigungsprojekt gegeben. Für Prof. Clemens ist es deshalb bedauerlich, dass sich die Briten nun für einen EU-Austritt entschieden haben, obwohl die Chance bestanden habe, Europa im britischen Sinne zu reformieren.

Anschließend wurde die von Dr. Sabine Bamberger-Stemmann, der Direktorin der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg, moderierte Diskussionsrunde auf Manuel Sarrazin, den europapolitischen Sprecher der Grünen Bundestagsfraktion, und Tristan Dück, Vorstandsmitglied bei unserem Jugendverband der JEF Hamburg, ausgeweitet. Der studierte Historioker Sarrazin erklärte, für ihn sei die Rede des französischen Außenministers Robert Schuman von 1950 letztlich deutlich prägender für sein Europaverständnis. Dieser hatte sich für die Einrichtung einer Hohen Behörde (der heutigen Europäischen Kommission) als Sachwalterin genuin europäischer Interessen gegenüber den nationalen Interessen der einzelnen Mitgliedstaaten ausgesprochen. Aus Sarrazins Sicht ist die Europadebatte in Großbritannien vor dem Brexit-Referendum als Projektionsfläche innerbritischer Konflikte genutzt worden. Deshalb warnte er eindringlich davor, auch in Deutschland die Frage "für oder gegen Europa" zum Kristallisationspunkt politischer Lagerbildung zu machen und sprach sich dafür aus stattdessen stärker über das "Wie" der europäischen Integration zu streiten. Der angehende Lehrer Tristan Dück betonte, dass für seine Generation, die nach dem Ende des Kalten Krieges aufgewachsen ist, ein friedlich geeintes Europa mit offenen Grenzen zu einer vermeintlichen Selbstverständlichkeit geworden sei. Nachdem nun aber jungen Leuten zunehmend bewusst werde, dass diese Errungenschaften wieder auf dem Spiel stünden, bestehe auch die Chance, die Jugend wieder verstärkt für ein aktives Engagement für Europa zu gewinnen.

 

Das Publikum in der Krypta des Mahnmals St. Nikolai

Bei der abschließenden Fragerunde aus dem Publikum wurde dann danach gefragt, wer heute noch eine große Vision Europas nach dem Vorbild Churchills vermitteln könne. Die Diskutierenden zeigten sich zwar angesichts der veränderten Rahmenbedingungen politischer Kommunikation skeptisch, ob einzelne PolitikerInnen heutzutage mit einzelnen Reden noch eine vergleichbare Wirkung entfalten können, waren sich aber einig, dass die zentralen Werte Europas wie Frieden, Demokratie und Freiheit auch weiterhin große Strahlkraft bewahren werden.

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