Freitag, 18. Dezember 2015
„Europäische Identität, eine Frage der Freiheit“ - von Christian Moos
Erleben sich die Finnen und die Portugiesen, die Niederländer und die Rumänen als gleich? Nein, das tun sie ganz sicher nicht. Aber die Bewohner des Languedoc und der Normandie haben das lange Zeit auch nicht getan und tun es wohl noch immer nicht. Flamen und Wallonen zum Beispiel wollen es nicht mehr tun, und auch Brandenburger und Rheinländer sind nicht eins. Identität kann nicht losgelöst von der Person, vom Selbst-Bewusstsein des Individuums verstanden werden. Der Mensch sucht den Unterschied, um sich selbst zu erkennen. Aber er vergleicht sich auch, weil er ein soziales Wesen ist, findet in geteilten Identitäten vor allem moralische Entlastung. Denn Freiheit ist vielen eine Zumutung.

Nationale Identität kann ein von Individuen als gemeinsam erlebtes und sie damit entlastendes Wesensmerkmal sein. Sie wird von Europaskeptikern, die die Möglichkeit einer europäischen Identität verneinen, als naturgegeben, exklusiv und auf sonderbare Weise abschließend unterstellt. Dabei ist der Nationalstaat eine verhältnismäßig junge Erscheinung der Geschichte. Wer ihn absolut setzt, muss also annehmen, dass es sich bei ihm um einen endgültigen Zielpunkt der menschlichen Entwicklung handelt. Ein solches Telos gibt es aber nicht. Aktuell sind nicht wenige Nationalstaaten vom Zerfall bedroht und alte und neue Großmächte betreiben wieder empire building unter dem Vorzeichen der Unterdrückung.

Es gibt eine Vielzahl geteilter menschlicher Eigentümlichkeiten. Die, einer Nation anzugehören, ist nur eine von vielen. Und sie ist bei weitem nicht die wirkmächtigste. Unter bestimmten, außer- und überindividuellen Voraussetzungen können etwa das Geschlecht oder die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht prägender, handlungsleitender sein als die Nationalität. Die Kraft des Nationalismus beweist nicht das Gegenteil, ist doch der Nationalismus eine Übersteigerung nationaler Identität. Er ist nicht mehr und nicht weniger als das neurotische Angstsymptom einer säkularisierten Gesellschaft und insoweit religiösem Fundamentalismus als Gegenreaktion auf das weltliche Projekt des Westens nicht unverwandt. Es ist die Angst vor der Freiheit, und diese Angst ist im Zeitalter der Globalisierung von hoher Wirkmächtigkeit. Antiemanzipatorische Kräfte wissen sie sich zunutze zu machen.

Europäische Identität ist so schwierig, weil sie auf etwas anderes gründet als auf einen repli sur soi. Sie bezieht sich zwar auf einen geteilten Erfahrungsraum. Dieser ist aber einer der Entgrenzung und nicht der Begrenzung. So sind offene Grenzen Europa wesensimmanent. Deshalb stirbt jedes Mal ein Stück Europa, wenn irgendwo eine weitere Grenze geschlossen wird. Europa steht für Offenheit, für Überwindung, für Freiheit. Wenn die Apologeten des Nationalstaats Europa ablehnen, ist das nur konsequent. Denn sich als Europäer zu erkennen, bedeutet nicht mehr und nicht weniger als das Verlassen der Höhle, das Heraustreten aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Europäische Identität erträgt die Verschiedenheit, sie heißt die Vielfalt willkommen. Denn sie ist eine Reichsbildung neuer Art. Sie ist ein Bekenntnis zur Freiheit und eine Absage an die Angst.

Christian Moos, Generalsekretär der Europa-Union Deutschland
Der Beitrag erschien in der aktuellen Ausgabe des JEF-Mitgliedermagazins „Treffpunkt Europa“.


Weitere Meldungen aus den Bereichen: Europäische Öffentlichkeit und Bürgerbeteiligung
Empfehlen Sie diesen Artikel weiter:
| bei weiteren Diensten