Dr. Beckstein sprach auf Einladung der 1946 gegründeten überparteilichen EUROPA-UNION Deutschland, deren Kreisverband Lahn-Dill an diesem Abend auf sein 60-jähriges Bestehen im neuen Tagungszentrum „Blattform“ in Wetzlar zurückblickte. Der Einladung waren gut 40 Gäste, darunter CDU-Bundestagsabgeordnete Sibylle Pfeiffer, FDP-Landtagsabgeordneter Matthias Büger, Wetzlars Oberbürgermeister Wolfram Dette sowie der Solmser Stadtrat Martin Dietz, gefolgt.
Kreisverbandsvorsitzender Sven Ringsdorf (Solms) warf einen Rückblick auf die Entstehung Europas und ging dabei auf die Sage um „Europa“ ein, die von Zeus nach Kreta entführt wurde und heute Namensgeberin des Kontinents ist. „Das war eine Zeit, in der man noch träumte und in der Wünsche in Erfüllung gingen, eine Zeit, in der Menschen reinen Herzens jede Herausforderung erfolgreich bezwangen“, zeichnete Ringsdorf den Kontrast zur gegenwärtigen Euro-Krise. Der Europäische Abend stand unter dem Titel „Perspektiven in der Krise – wohin soll sich die EU entwickeln?“.
Wegen seiner Komplexität der Krise sei es derzeit schwer, Visionen zu entwickeln, so Beckstein anfangs. Er nannte Namen wie Adenauer, de Gasperi und Schman als wahre Staatsmänner, die es erreicht hätten, innerhalb einer Generation aus „Erbfeinden“ Partner zu machen. Heute sei Europa für junge Menschen etwas Selbstverständliches, wobei der ehemalige Ministerpräsident bedauerte, dass das „Bewusstsein für Geschichte“ schnell verloren ginge und man den Anfängen Europas nur zu selten gedenke. „Europa ist eine wunderbare Erfolgsgeschichte für und mit Frieden, Freiheit, Wohlstand und Recht“, schwärmte Beckstein. Gleichzeitig sei es ein Wunder, dass – angesichts von beispielsweise 187 notwendigen Dolmetschern bei Sitzungen des Europarates – Europa so gut funktioniere. Beckstein hält eine einheitliche EU-Außenpolitik ebenso für unabdingbar wie weniger Bürokratie und eine Vereinheitlichung der Energiepolitik. Die unstreitig größte Herausforderung sei allerdings die Euro-Krise und die daraus resultierende Arbeitslosigkeit und die schwache wirtschaftliche Lage in zahlreichen EU-Ländern. Deutschland sei „wahrscheinlich als einziges Land der Welt“ gestärkt aus der Krise hervorgegangen. Angesichts immer neuer Rettungspakete sei es zudem eine große Aufgabe, dass Europa seinen Glanz nicht verliere. Dabei müsse sich Deutschland, das als erstes Land die Stabilitätskriterien missachtet habe, zunächst selbst an die Nase fassen. Nötig sei eine Synchronisation der Wirtschafts- und Finanzpolitik in Europa, wozu auch weitere Übertragungen von Zuständigkeiten auf die EU-Ebene gehören. „Wir sind derzeit in der Halbzeitpause der Krise“, so Beckstein, von der die Menschen in Deutschland wenig spüren. Deshalb gerade könne man von den Deutschen eine gesteigerte Rücksichtnahme auf die Partner verlangen. Für Visionen sei derzeit in Europa wenig Platz, gefragt seien „Arbeit und Handwerk“. Im Blick nach vorne sei es aber von Bedeutung, gerade bei jungen Leuten den Geist von Europa wachzuhalten.