Wie können wir als Polen und Deutsche gemeinsam den Einigungsprozess Europas im aktuellen globalen Kontext voranbringen? Im Rahmen von Impulsreferaten und einer Podiumsdiskussion wurde hierzu der Bogen von der Erinnerungskultur, über die aktuelle Wahrnehmung der EU in Polen und Deutschland hin zu der Bedeutung eines deutsch-polnischen Motors gespannt. Hierbei brachten die Mitwirkenden ihre Perspektiven aus Politik, Kultur, Wirtschaft und Jugendarbeit ein.
Die Veranstaltung wurde durch Jobst-Hinrich Ubbelohde, Staatssekretär a.D. des Landes Brandenburg und Vorstandsmitglied der Europa-Union Brandenburg, eröffnet und moderiert.
Gastgeber Darius Müller, Leiter der Bildungsstätte Schloss Trebnitz, begrüßte die Gäste und stellte den Campus Schloss Trebnitz vor.
Als ersten Input zum Thema der Veranstaltung erhielten die Teilnehmenden einen Einblick in die Ergebnisse der vorangegangenen mehrtägigen Jugendmedienwerkstatt “ÜBER:GRENZEN”, die Dr. Martin Müller-Butz, Bildungsstätte Schloss Trebnitz, und Pavel Mozhar, Regisseur, organisiert hatten. Einblicke in die Ergebnisse der Medienwerkstatt gibt es hier. Die Rechte liegen bei Schloss Trebnitz.
Direkt daran anknüpfend folgten unter Moderation von Johannes Kohls, Vorstandsmitglied der Europa-Union Brandenburg, zwei Impulsreferate von Małgorzata Gemen, Leiterin des Berliner Büros des Polnischen Instituts für Internationale Angelegenheiten, und Botschafterin Catalina Cullas, Beauftragte des Auswärtigen Amts für die Beziehungen zu den Mitgliedstaaten der EU sowie für grenzüberschreitende und regionale Zusammenarbeit.
Małgorzata Gemen schilderte in einem sehr persönlichen und bewegenden Vortrag zum Thema „Die Wahrnehmung Europas und der EU in Polen und Deutschland – Wie können wir europakritischen Stimmungen begegnen?“, wie mangelndes Wissen in Deutschland Stereotype über Polen und seine Bevölkerung befördert. Abschließend hob sie vor allem die Rolle der Grenzregionen hervor, die als Brücken fungieren könnten.
Im zweiten Impulsvortrag von Botschafterin Catalina Cullas unter dem Titel „Die Zukunft Europas – Braucht es einen deutsch-polnischen Motor?“ wurde herausgearbeitet, dass gerade angesichts Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine derzeit ein besonderes Momentum für Europa besteht. Ein Momentum, um die EU und den europäischen Einigungsprozess weiter voranzubringen. Deutschland und Polen käme dabei eine wichtige Rolle zu, insbesondere beim Vorantreiben der Gemeinsamen Verteidigungspolitik und der Unterstützung der Ukraine.
Nach einer kurzen Kaffeepause wurden die Impulse im Rahmen einer Podiumsdiskussion aus den unterschiedlichen Perspektiven der Diskutantinnen und Diskutanten vertieft.
Neben Botschafterin Catalina Cullas saßen auf dem Podium Stephan Erb, Geschäftsführer des Deutsch-Polnischen Jugendwerks, Karolina Kuszyk, Autorin („In den Häusern der Anderen“), Dr. Knuth Thiel, Leiter des Geschäftsbereichs Wirtschaftspolitik der IHK Ostbrandenburg, und Jakub Wawrzyniak, Stellvertretender Botschafter der Botschaft der Republik Polen in der Bundesrepublik Deutschland.
In einer ersten Runde bestand Einigkeit, dass in einem sich dynamisch und disruptiv entwickelnden globalen Rahmen ein Voranbringen der europäischen Einigung, für die dauerhafte Sicherung des freiheitlich-demokratischen Modells unerlässlich ist.
Welche Rolle spielen Vergangenheit und Gegenwart? Wie können wir Polen und Deutsche gemeinsam an Europa arbeiten, auch in der Grenzregion? Im Folgenden entwickelte sich hierzu eine Diskussion über die Erinnerungskultur:
Im Blick auf die unterschiedlichen Sensibilitäten, deutete Wawrzyniak auf die Präsenz der schmerzhaften Erinnerungen in den allermeisten polnischen Familien und skizzierte dabei seine gemischten Gefühle mit Blick auf das Thema, insbesondere da die Nationalsozialisten seinen Großvater im Konzentrationslager Dachau inhaftierten, der im Anschluss an den 2. Weltkrieg in Bayern seine Großmutter kennenlernte, die dort zuvor Zwangsarbeit hatte leisten müssen. Kuszyk betonte, dass angesichts der Verbrechen an der polnischen Bevölkerung während der NS-Zeit ein dauerhaftes Denkmal für die polnischen Opfer des Nationalsozialismus und der deutschen Besatzungsherrschaft in Polen 1939 bis 1945 in Berlin mehr als angemessen sei.
Cullas erläuterte, dass nach dem eingebrachten Antrag der Koalitionsfraktionen im Bundestag am 3. Dezember 2025 zur Errichtung eines solchen Denkmals in Nachfolge des derzeitigen temporären Denkmals auf dem Gelände der früheren Kroll-Oper die Planungen in Absprache mit dem Land Berlin vorangebracht würden.
Kuszyk und Erb und ergänzten in dieser Debatte, dass die polnisch-deutsche Erinnerungskultur inzwischen durch weitere Dimensionen geprägt werden würde, indem beispielsweise syrische Geflüchtete oder deren Kinder die Verbrechen der Nationalsozialisten einordnen und mit ihrer eigenen Geschichte kontextualisieren würden.
Thiel verwies in seinen Wortbeiträgen darauf, dass die eingeführten und intensivierten Grenzkontrollen auf deutscher Seite der Grenze nicht nur große Hemmnisse für die Entwicklung der Grenzregion seien, sondern auch die nationalistischen Strömungen auf polnischer Seite befördert hätten.
Alle Podiumsgäste hoben im Abschluss die wichtige Rolle des direkten grenzüberschreitenden Kontaktes zwischen den Menschen, insbesondere auch von Jugendlichen, hervor. In diesem Kontext wurde die herausgehobene Rolle der Grenzregion als nachbarschaftliche Region im besten Sinne betont. Hier werden menschlich, und hoffentlich auch real als Infrastruktur, Brücken gebaut, die ein stabiles, Grenzen überwindendes Fundament bilden.
Nach mehr als drei Stunden Input gab es beim „Get-together“ einen lebhaften Austausch der zahlreichen deutsch-polnischen Akteure.
Großer Dank gilt dem Team von Schloss Trebnitz, das als Kooperationspartner ein hervorragender Gastgeber war, sowie der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung, die die Veranstaltung gefördert hat.
Der Abend wird uns noch länger im Gedächtnis bleiben und hat uns ermutigt, die eine oder andere Idee für weitere Kooperationen weiter zu verfolgen. Für die Europa-Union Brandenburg bleibt das Verhältnis zu Polen ein zentrales europäische Thema
Und an Schloss Trebnitz gerichtet: Wir kommen sehr gerne wieder!
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