Das Europäische Föderale Manifest
Eine Erklärung für Unabhängigkeit und Souveränität
Wir, die Union Europäischer Föderalisten (UEF), formulieren unsere Forderungen für die Zukunft des europäischen Integrationsprozesses. Die anhaltenden geopolitischen Umwälzungen und die Entstehung einer zunehmend fragmentierten und wettbewerbsorientierten Weltordnung machen es dringend erforderlich, Fortschritte hin zu einer souveränen und demokratischen europäischen Föderation zu erzielen, die zu Frieden, Gerechtigkeit, sozialem Fortschritt und einer nachhaltigen Zukunft für eine geeinte Welt beitragen können.
Europa repräsentiert zwar weniger als fünf Prozent der Weltbevölkerung, trägt jedoch mit beachtlichen 17,4 % zum globalen BIP bei. In einer von kontinentalen Mächten geprägten Welt kann kein einzelner europäischer Staat seine Souveränität, seinen Wohlstand oder sein demokratisches Modell allein wirksam sichern. Ohne politische Einigung riskiert Europa in einer zunehmend wettbewerbsorientierten und instabilen internationalen Ordnung eine Marginalisierung.
Unsere politischen und föderalistischen Forderungen galten lange als visionär. Viele unserer Vorschläge sind bereits Realität geworden, wie etwa die Direktwahl des Europäischen Parlaments, die Schaffung eines Raums ohne Binnengrenzen und die Einführung einer gemeinsamen Währung. Doch bleiben wir weiterhin dem Prozess der europäischen Einigung fest verpflichtet. Gerade wegen der vielfältigen Krisen unserer Zeit ist ein ambitionierter Neustart der europäischen Integration heute notwendiger denn je. Eine Stärkung der europäischen Staatsbürgerschaft und mehr Nähe der EU-Bürgerinnen und -Bürger zu den EU-Institutionen sollten dabei Priorität haben.
Die Europäische Union muss sich zu einer echten Föderation entwickeln, die auf den Prinzipien der Demokratie, der Subsidiarität, der sozialen Sicherheit, der Gerechtigkeit und der Nachhaltigkeit beruht und dem Schutz der Menschenwürde und einer demokratischen globalen Governance verpflichtet ist. Und ihre supranationalen Institutionen müssen mit souveränen Befugnissen ausgestattet sein, welche die effektive Ausübung der Grundrechte und -freiheiten gewährleisten können. Ein solcher Wandel hat durch einen echten demokratischen Prozess unter Einbeziehung der europäischen Bürgerinnen und Bürger zu erfolgen und kann von jenen Mitgliedstaaten initiiert werden, die bereit sind, Souveränität stärker zu teilen. Dieser Prozess erfordert Vertragsreformen oder einen neuen Vertrag zwischen willigen Mitgliedstaaten, der eine kohärente Stärkung der Zusammenarbeit vorantreibt und damit letztlich die Verabschiedung einer europäischen Bundesverfassung - für künftige Vereinigte Staaten von Europa und eine europäische Föderation.
Ein demokratisches Europa
Die Europäische Föderation soll demokratisch und pluralistisch sein und auf der Achtung der Menschenrechte, der Rechtsstaatlichkeit und dem Streben nach Gerechtigkeit gründen. Demokratie, Grundrechte und Rechtsstaatlichkeit bilden die unverhandelbaren Grundlagen der europäischen politischen Ordnung.
Diese Grundsätze müssen sowohl intern als auch extern kontinuierlich bekräftigt und entschieden verteidigt werden. Dies erfordert starke Institutionen und wirksame Instrumente zum Schutz der Demokratie und der liberalen Verfassungsordnung. Die Gewaltenteilung in der EU ist zu stärken, zusammen mit demokratischen Kontrollmechanismen („checks and balances“). Auf allen Ebenen der Regierungsführung müssen Transparenz, Rechenschaftspflichten und der Kampf gegen Korruption eine uneingeschränkte Wertschätzung erfahren.
Das Europäische Parlament, als direkte Vertreterin der Bürgerinnen und Bürger, ist die zentrale Säule demokratischer Legitimität. Wie von den Bürgerinnen und Bürgern auf der Konferenz zur Zukunft Europas und in dem vom EU-Parlament selbst in seiner Entschließung vom November 2023 verabschiedeten Vorschlag zur Vertragsreform gefordert, muss ihm das Recht auf Gesetzesinitiative eingeräumt werden und es ist gleichberechtigt an allen europäischen Entscheidungen, einschließlich Gesetzgebung, Einnahmen und Ausgaben sowie der Außenpolitik, zu beteiligen.
Es soll ein einheitliches europäisches Wahlrecht eingeführt werden, das transnationale Listen und genuin europäische politische Parteien umfasst. Europawahlen dürfen nicht länger eine bloße Kopie nationaler Politik sein. Die derzeitigen parteiübergreifenden Regelungen sind unzureichend. Diese Reform ist notwendig, um die repräsentative Demokratie zu stärken, die europäische Öffentlichkeit zu erweitern und eine sinnvolle Bürgerbeteiligung am europäischen politischen Leben zu gewährleisten, einschließlich der effektiven Anwendung des Systems von Spitzenkandidatinnen und -kandidaten für die Präsidentschaft der Europäischen Kommission.
Die Europäische Kommission soll zur vollwertigen Exekutivbehörde der Europäischen Föderation werden. Ihr Präsident wird auf Grundlage der Ergebnisse der Europawahlen unter Berücksichtigung der von den europäischen politischen Parteien benannten Kandidatinnen und Kandidaten gewählt und ist dem Europäischen Parlament rechenschaftspflichtig.
Der Ministerrat soll in einen föderalen Senat umgewandelt werden, der die Mitgliedstaaten vertritt. Das Einstimmigkeitsprinzip ist in allen Politikbereichen, einschließlich Außenpolitik, Verteidigung, Erweiterung, Steuern, Schulden und Vertragsrevision, durch qualifizierte Mehrheitsentscheidungen zu ersetzen, um die Handlungsfähigkeit der Union zu gewährleisten.
Europa gehört seinen Bürgerinnen und Bürgern. Sie müssen daher wirksam und nachhaltig in Entscheidungsprozesse einbezogen werden. Die organisierte Zivilgesellschaft, einschließlich Vereine, Sozialpartner und Jugendorganisationen, spielt als Trägerin von Expertise und demokratischer Teilhabe eine entscheidende Rolle. Der strukturierte Dialog mit der Zivilgesellschaft ist vor und nach parlamentarischen Entscheidungen zu intensivieren, unter anderem durch die Stärkung partizipativer Instrumente wie der Europäischen Bürgerinitiative und eher deliberativer Instrumente wie Bürgerversammlungen. Wir brauchen eine stärkere und aktivere Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger am politischen und kulturellen Leben sowie an der Wirtschaft und am Arbeitsplatz.
Die Europäische Föderation steht weiterhin allen europäischen Staaten offen, die ihre Werte teilen und bereit sind, europäisches Recht zu übernehmen. Gleichzeitig muss die Union ihre Handlungsfähigkeit wahren. Ihre Entscheidungsstrukturen und -politiken sind daher auf Grundlage von detaillierten Eignungsprüfungen anzupassen, um Erweiterungen zu ermöglichen. Wir unterstützen eine schrittweise und progressive Integration der Beitrittskandidaten vor dem endgültigen Beitritt, einschließlich der Teilnahme als Beobachter an EU-Institutionen und -Agenturen und beginnend mit den Westbalkanstaaten und Moldau. Im Falle der Ukraine könnte ein noch schnellerer Weg erforderlich sein, um deren Sicherheit zu gewährleisten und weitere russische Aggressionen abzuschrecken.
Die Wahrung und Wiederherstellung der Medienfreiheit und des Medienpluralismus sowie die entschiedene Bekämpfung von Desinformation sind von strategischer Bedeutung für die Zukunft von Demokratie in Europa. Die Europäische Föderation muss einen klaren Rechtsrahmen mit effektiven, transparenten und unabhängigen Kontrollmechanismen schaffen, um die Medienfreiheit zu gewährleisten, übermäßige Konzentration und Oligopole zu verhindern und eine vollständig unabhängige, überparteiliche öffentlich-rechtliche Medienlandschaft sicherzustellen. Die Entwicklung transnationaler Medien-Netzwerke sollte aktiv gefördert werden, um europaweite öffentliche Debatten voranzubringen und die transnationale Demokratie in Europa zu stärken.
Jede Demokratie ist abhängig von informierten und verantwortungsbewussten Bürgerinnen und Bürgern. Zivilbürgerliche, politische und europäische Bildung und Erziehung sind unverzichtbar, um die demokratische Kultur zu stärken und Desinformation entgegenzuwirken. Wie die Konferenz zur Zukunft Europas und der Bericht des Europäischen Parlaments von 2022 zur Umsetzung von Maßnahmen zur politischen Bildung vorschlagen, sollte Europa Mindeststandards für politische Bildung auf allen Ebenen festlegen, Austausch-, Demokratie- und Bürgerbeteiligung-Programme stärken und die gegenseitige Anerkennung von Bildungsleistungen in ganz Europa gewährleisten.
Junge Menschen übernehmen bereits Verantwortung für Europas Zukunft. Jugendorganisationen, als Labore der Demokratie, bieten Raum für Teilhabe, Debatte und Innovation. Ihre effektive und transparente Beteiligung an politischen Prozessen muss gewährleistet sein, ebenso wie eine strukturelle Unterstützung und bedarfsgerechte Finanzierung. Bestehende Bildungs- und Erziehungs-, Jugend- und Partizipations-Programme sind zu stärken und auszubauen.
Wir wissen uns dem kulturellen Erbe Europas verpflichtet, insbesondere dem Vermächtnis von Aufklärung und Humanismus. Unser Europa ist in Vielfalt geeint. Wir lehnen jede Form von Diskriminierung ab und bekräftigen die volle Teilhabe aller Menschen und Gruppen am politischen, sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben. Dies schließt die Verwirklichung der vollen Gleichstellung der Geschlechter und die systematische Einbeziehung junger Menschen in politische Entscheidungsprozesse bei gebührender Berücksichtigung ihrer spezifischen Anliegen ein.
Ein handlungsfähiges Europa
Das Streben nach Frieden bleibt Kern der europäischen Identität und muss aktiv verteidigt werden. In einem sich rasch wandelnden geopolitischen Umfeld ist die Entwicklung eines autonomen europäischen Verteidigungssystems - teilweise koordiniert mit der NATO als Rahmenwerk oder in diese integriert - dringlich und notwendig. Europa ist so in die Lage zu versetzen, sich selbst zu verteidigen, von Weltmächten ernst genommen zu werden und Verteidigungsressourcen effizienter einzusetzen als bei der gegenwärtigen Zersplitterung in zahlreiche nationale Armeen und Waffensysteme. Um dieses Ziel zu erreichen, sind möglicherweise Vertragsreformen erforderlich, um ein geeignetes System demokratischer Regierungsführung zu etablieren, das europäische Projekt zu vollenden und Kriege zwischen europäischen Staaten strukturell unmöglich zu machen. - Friedensdiplomatie, die auf Europas Wirtschaftskraft gründet, ist eine zentrale Aufgabe der Europäischen Föderation, sowohl als institutionelle Außenpolitik als auch durch aktive Bürgerdiplomatie („citizen diplomacy“). Denn Europas Sicherheitskonzept ist umfassend und beschränkt sich nicht auf militärische Fähigkeiten: Es schließt sozialen Zusammenhalt, wirtschaftliche Resilienz, Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit und die Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen ein. Ein handlungsfähiges Europa stärkt die regelbasierte multilaterale Ordnung und unterstützt aktiv eine Reform der Vereinten Nationen mit dem Ziel, deren demokratische Grundlagen zu festigen und sie mit ausreichenden Ressourcen auszustatten, mit der Perspektive, schrittweise eine demokratische Weltföderation aufzubauen.
Eine faire und regelbasierte Handelspolitik ist integraler Bestandteil einer umfassenden europäischen Sicherheitsstrategie. Europa wird seine Wirtschaftspartnerschaften mit Lateinamerika, Afrika und Südostasien weiter diversifizieren und gleichzeitig die Bündnisse mit gleichgesinnten Partnern wie dem Vereinigten Königreich, der Schweiz, Norwegen, Island, den übrigen Westbalkanstaaten, Kanada, Australien, Südkorea, Neuseeland, Japan und anderen stärken. Diese Netzwerke und Bündnisse mit anderen regionalen Blöcken des Globalen Südens und westlichen liberalen Demokratien sind von entscheidender Bedeutung für den Erhalt der multilateralen Ordnung, und sie verhindern eine Entstehung imperialistischer Einflusssphären durch Putins Russland, das derzeitige China und die USA unter Trump. Die Europäische Föderation bekräftigt ihr uneingeschränktes Bekenntnis zu den Zielen des Multilateralismus und des von den Vereinten Nationen gebilligten Völkerrechts: Weltfrieden und internationale Sicherheit, Abrüstung, Gerechtigkeit, die Entwicklung freundschaftlicher Beziehungen zwischen den Staaten und die Förderung der Menschenrechte durch internationale Zusammenarbeit.
Die Europäische Föderation benötigt eine umfassende und wirksame Politik für legale Migration und Einwanderung. Wir müssen sichere und legale Wege für Mobilität gewährleisten, den sozialen, wirtschaftlichen und menschlichen Beitrag von Migranten anerkennen und - sofern freiwillig und mit umfassenden Garantien - zirkuläre Migration fördern. Gleichzeitig müssen wir die Integration derjenigen, die in Europa bleiben möchten, auf der Grundlage gleicher Rechte unterstützen. Der Zugang zu rechtlichem Schutz muss für Verfolgte gewährleistet und anerkannten Flüchtlingen eine sichere und würdevolle Aufnahme in voller Übereinstimmung mit dem Völkerrecht ermöglicht werden. Dies erfordert eine gemeinsame, effiziente Migrationspolitik, die auf Solidarität, geteilter Verantwortung und Menschenrechten beruht und Asyl, internationalen Schutz, Arbeitsmigration und Integration regelt, ohne Migranten auf ihren wirtschaftlichen Nutzen zu reduzieren. Gleichzeitig muss Europa aktiv zur Bekämpfung der Ursachen von Vertreibung beitragen, indem es durch faire internationale Zusammenarbeit Rechte schützt, anstatt Verantwortung abzuwälzen, und damit die große Mehrheit der Vertriebenen unterstützt, die in ihren Herkunftsregionen bleiben.
Die diplomatische Dimension einer europäischen Föderation umfasst auch Solidarität mit dem Rest der Welt und die Fähigkeit, auf die Erreichung der Ziele für nachhaltige Entwicklung hinzuwirken. Die Europäische Union muss eine echte europäische Entwicklungsagentur schaffen, deren Befugnisse und Budget vom Europäischen Parlament kontrolliert werden. Dies ist ein erster Schritt hin zu einer umfassenden Beteiligung der EU an einem System fairer und gerechter, globaler Umverteilung.
Die Rückkehr eines hochintensiven Krieges nach Europa, gekennzeichnet durch Russlands Aggression gegen die Ukraine, unterstreicht die Dringlichkeit eines handlungsfähigen Europas. Die Europäische Union, ihre Mitgliedstaaten und ihre Bürgerinnen und Bürger werden die Ukraine weiterhin bei der Verteidigung ihrer Souveränität, Demokratie und territorialen Integrität sowie in allen Verhandlungsprozessen unterstützen, die mit aktiver Beteiligung und „support“ der EU stattfinden können und müssen. Kriegsverbrechen und Verstöße gegen das Völkerrecht sind gemäß den internationalen Justizmechanismen, einschließlich des Sondertribunals des Europarats für das Verbrechen der Aggression, zu untersuchen, strafrechtlich zu verfolgen und zu sanktionieren. Die Vertragsreform sollte die Zuständigkeit der Europäischen Union im Bereich der Justiz erweitern, einschließlich Fragen der internationalen Strafjustiz.
Europas Handlungsfähigkeit hängt letztlich von seiner Fähigkeit ab, seine Politik autonom zu finanzieren. Damit die EU den erheblichen Bedarf an europäischen Gemeingütern („common goods“) wie Sicherheit, den Kampf gegen den Klimawandel und Umweltkrisen, für Innovation und Wettbewerbsfähigkeit decken kann, sollte der EU-Haushalt (mehrjähriger Finanzrahmen, MFR) deutlich über dem Kommissionsvorschlag für 2028–2034 (nur 1,15 % des EU-Bruttonationaleinkommens seit den 1980er Jahren) und näher an 4–5 % des BIP angesetzt werden. Dies erfordert einen EU-Haushalt, der nicht von freiwilligen nationalen Beiträgen abhängt und somit vor politischer Erpressung geschützt ist, und die Möglichkeit einer Ausgabe von Eurobonds. Ein EU-Haushalt muss alle Ausgaben im Zusammenhang mit ausschließlichen europäischen Zuständigkeiten abdecken sowie Verteidigung, Diplomatie, ökologische Ausrichtungen von Zöllen, Migration, Währungspolitik und Handel einbeziehen. Auch die Energie-, Gesundheits- und Beschäftigungspolitik sollten zunehmend von einer Föderalisierung profitieren, um das europäische Sozialmodell deutlich zu machen und zu stärken. Eine Finanzierung des EU-Haushalts durch europäische Steuern, sei es durch neue Steuern, beispielsweise für die Reichsten, oder durch die Übertragung bestehender Steuern wie der Mehrwertsteuer, wird auch die nationalen Beiträge zum EU-Haushalt beenden. Dieser bedeutende Schritt gibt den Mitgliedstaaten mehr Freiheit, ihre nationale Politik gemäß dem föderalistischen Subsidiaritätsprinzip selbst zu finanzieren, ohne bestehende EU-Subventionen, die die Mitgliedstaaten erhalten, zu verändern.
Ein nachhaltiges und soziales Europa
Das Europa, das wir uns wünschen, ist nachhaltig und sozial. Im Einklang mit den Zielen für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen wird Nachhaltigkeit als umfassendes Konzept verstanden, das Umweltschutz, wirtschaftliche Resilienz und soziale Gerechtigkeit einschließt. Europas Entwicklung muss die ökologischen Grenzen des Planeten, einschließlich der planetaren Grenzen, respektieren und gleichzeitig die Erfüllung grundlegender sozialer Bedürfnisse und die Menschenwürde für alle garantieren. So hat Europa seinen Verpflichtungen aus internationalen Abkommen, darunter das Pariser Abkommen und die nachfolgenden, globalen Abkommen zu Klima und Biodiversität, nachzukommen. Wirtschaftliche Nachhaltigkeit ist neben sozialem Zusammenhalt sicherzustellen, und Europa muss strategische, digitale und technologische Autonomie als wesentliche Bestandteile langfristiger Resilienz anstreben.
Wir plädieren daher für eine Europäische Föderation, die Nachhaltigkeit und Chancengleichheit durch gemeinsame Industriepolitik, koordinierte Investitionen und gemeinsame Forschungsprogramme intelligent miteinander verbindet. Diese sind durch einen Rechtsrahmen zu ergänzen, der Innovationen fördert, übermäßige Marktkonzentration verhindert, Oligopole aufbricht, die den fairen Wettbewerb untergraben, und den wirtschaftlichen Wandel im Sinne sozialer Mobilität, breiter Teilhabe und langfristiger Stabilität lenkt. Die europäischen Vergabevorschriften und die Gesetzgebung zu Lieferketten müssen fairen Wettbewerb, Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung aktiv unterstützen.
Die Europäische Föderation fördert somit eine Strategie zur Reindustrialisierung, die Wettbewerbsfähigkeit, Nachhaltigkeit, technologische Führungsrolle und sozialen Zusammenhalt vereint. Eine starke industrielle Basis ist unerlässlich für Europas strategische Autonomie, Resilienz, qualifizierte Beschäftigung und seine Position im globalen Wettbewerb. Diese Strategie ist eng mit Forschung, Innovation, Qualifizierung und der Entwicklung fortschrittlicher Technologien zu verknüpfen und hat gleichzeitig auf starke regionale Ökosysteme und Vermittlungsorganisationen zu setzen, die Unternehmen, Universitäten, Technologiezentren, öffentliche Einrichtungen und Investoren vernetzen und verbinden. Europa muss die industrielle Modernisierung in allen Gebieten unterstützen, insbesondere durch koordinierte Investitionen, angewandte Innovation, Technologietransfer und den Ausbau strategischer Sektoren und Wertschöpfungsketten.
Mit dem europäischen Binnenmarkt ist das wirtschaftliche Fundament der Europäischen Föderation bereits geschaffen. Dieser Markt ist nun zu vervollständigen und konsequent an Nachhaltigkeit und sozialem Zusammenhalt auszurichten, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu stärken und gleichzeitig fairen Wettbewerb und gleichberechtigten Marktzugang in Übereinstimmung mit den Berichten von Enrico Letta und Mario Draghi zu gewährleisten. Verbraucherrechte müssen abgesichert und erweitert, der soziale Dialog im Sinne Jacques Delors intensiviert und die Europäische Säule sozialer Rechte als Eckpfeiler des europäischen Sozialmodells vollständig umgesetzt und weiterentwickelt werden. Die Europäische Säule sozialer Rechte und die Turiner Sozialcharta sollten zudem in die Verträge aufgenommen werden.
Wir fordern eine Kohäsionspolitik, die über traditionelle regionale und strukturelle Unterstützung hinausgeht und gezielte Anreize für öffentliche und private Investitionen schafft, um Ungleichheiten abzubauen und die Lebensbedingungen in den europäischen Regionen anzugleichen. Dies umfasst die europäische Finanzierung zukunftsorientierter Investitionen, schrittweise und progressive Harmonisierungen der Steuerpolitik, die Schaffung eines europäischen Mindestlohnrahmens, ein europäisches System der Arbeitslosenrückversicherung, dauerhafte Instrumente zur Unterstützung von Kurzarbeit wie eine weitere Stärkung des sozialen Dialogs und der Systeme der sozialen Sicherung. Ziel ist es, strukturelle Ungleichgewichte zu überwinden, die den Zusammenhalt der Union und ihre Entwicklung hin zu einer Föderation gefährden, und gleichzeitig die aktive Beteiligung und Mitbestimmung der Regionen als wesentliche Voraussetzung für eine wirksame territorial-regionale Entwicklung zu gewährleisten.
Wir unterstützen die Schaffung einer echten europäischen „Savings“- und Investitions-Union, die zu vollständig integrierten europäischen Kapitalmärkten führt. Dies ist unerlässlich, damit europäische Startups und innovative Unternehmen ausreichend Finanzmittel in Europa erhalten, wachsen und sich dauerhaft in der europäischen Wirtschaft verankern können. Ein wettbewerbsfähiger und integrierter Kapitalmarkt ist Voraussetzung für nachhaltiges Wachstum, eine technologische Führungsrolle und die Entwicklung zukunftsorientierter Industriebranchen in Europa. Auf dieser Grundlage unterstützen wir die zentralen Ziele zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit, Innovationskraft und strategischen Souveränität Europas, wie sie in jüngsten, hochrangigen politischen Vorschlägen zum Ausdruck kommen. Während dieses Transformationsprozesses bleiben wir fest der Demokratie und Freiheit, dem Sozialstaat und dem Schutz der Menschenrechte verpflichtet, wie sie in der Charta der Grundrechte der Europäischen Union verankert sind.
Die Achtung des ökologischen Gleichgewichts des Erdsystems und die Einhaltung der planetaren Grenzen erfordern entschlossenes Handeln. Die Begrenzung der globalen Erwärmung, der Erhalt der Biodiversität, die Bekämpfung der Umweltverschmutzung und die Sicherstellung einer nachhaltigen Ressourcennutzung sind eine gemeinsame Verantwortung der Menschheit. Wir erwarten die vollständige und zeitnahe Umsetzung des Europäischen Green Deals und der demokratisch verabschiedeten europäischen Umweltgesetzgebung durch alle Mitgliedstaaten sowie die Verankerung der Klimaneutralität in den Verträgen. Der Ausbau klimaneutraler, erneuerbarer Energiequellen - insbesondere Solar- und Windenergie in Verbindung mit innovativen Energiespeichersystemen - muss Priorität haben und durch integrierte europäische Energienetze, nachhaltige Mobilitätssysteme und fortgesetzte Forschungen an bahnbrechenden Technologien unterstützt werden. Europa ist in einer einzigartigen Position, diese Herausforderungen durch gemeinsames Handeln zu meistern.
Einhellig beschlossen am 22. März 2026 durch den XXIX. Europäischen Kongress der Union of European Federalist (UEF) in Barcelona / Spanien.
Übersetzung aus dem Englischen von Michael Montag und Dr. Norbert Fabian.
Original: THE UEF POLITICAL MANIFESTO 2026 - A Declaration of Independence and Sovereignty